


Vor 46 Jahren, ich war damals im zweiten Lehrjahr und lernte den Beruf des Maschinenschlossers in einem mittelständigen Betrieb in Maintal.
Wenn ich heute schmunzelnd so an diesen Tag denke und alles geahnt hätte, wäre ich doch lieber in meinem Bett geblieben.
Vormittags an jenem sonnigen August Tag, stand ich in der Werkstatt an der großen Ständerbohrmaschine und bohrte Löcher in ein großes Werkstück aus Temperguß.
Der Standort der Bohrmaschine befand sich genau links paralell neben einem großem Glaskasten, der Meisterbude, in der sich gerade unser Betriebsleiter, der Meister und der Werkstattschreiber an ihren Schreibtischen über ihre Arbeit beugten.
Der zweite „ Stift“ (heute heißt es
Auszubildender) Rudi, stand
plötzlich rechts neben mir und
machte irgend (wie ich fand) eine
blöde Bemerkung zu meiner
momentanen Beschäftigung.
Ich reagierte, in dem ich blitz-
schnell meinen Unterschenkel
in Andeutung und Richtung
Rudis Hintern hochschnellen
lies und mir dabei scherzhaft mit
der flachen Hand auf meinen
Allerwertesten klatschte.
Der so angetäuschte Tritt hatte
fatale Folgen.
Mein leicht am Fuß sitzender „Slipper“ (Schuh ohne Schnürung) sauste mit einem ungeheuren Knall durch eine der Scheiben der Meisterbude.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich überhaupt realisiert hatte was da eben überhaupt geschehen war.
Mein Freund Rudi, war wie ich bemerkte genau so käse-weiß, wie die drei Herren in der Meisterbude und ich dachte schon die bekommen einen "Herzkasper"
Ich machte mich dann auf den Weg zur Tür auf der Rückseite der Meisterbude um meinen Schuh zu holen.
Als ich so in der Tür stand und die Männer sah, die langsam wieder Farbe in`s Gesicht bekamen, dachte ich: Machst es auf die spaßige Art.
Ich ging auf den Schreibtisch des Werkstattschreibers zu und sagte : Entschuldigung, aber ich glaube das ist mein Schuh.
Ich hätte es wissen müssen. Ich sah die Warze auf dem Kopf unseres Betriebsleiters unter seinen dünnen Haaren hervorgucken, die nun knallrot leuchtete und das war das Zeichen für Jedermann im Betrieb am besten in Deckung zu gehen.
Auch ich machte zum ersten Mal diese Erfahrung, denn er legte nun los.
„Du holst dir jetzt sofort Schaufel und Besen und reinigst das Büro von den Glasscherben!“
Eigentlich mochte ich Ihn von allen Vorgesetzten am meisten.
Er war immer korrekt und nett zu mir, aber ich glaub in dieser Situation und dem Schrecken , der ihm offenbar immer noch in den Knochen steckte, war er momentan doch sehr überfordert.
Ich sagte nun doch sehr kleinlaut , ja mache ich gleich Herr Brade.
Nachdem ich die Schreibtische und das ganze Büro nun gereinigt hatte, kam Herr Brade später zu mir und sagte in seiner ruhigen Art, wie ich ihn kannte: „Klaus du gehst nun hinter zu Herrn Simon und lässt dir eine neu Scheibe geben, die er später dann einsetzen kann.“
War ich froh daß das ganze Gewitter nun verzogen war, aber was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, es sollte noch anders kommen.
Ich ging also in das Nachbargebäude zu Herrn Simon und erzählte ihm die ganze Story. Der hatte sich den Bauch gehalten vor lauter Lachen und auch ich konnte so langsam doch über die ganze Geschichte schmunzeln.
Er zeigte mir, wo die passenden Scheiben standen und ich sollte sie schon mal weil mit nach vorne nehmen, er würde sie dann einsetzen.
Und nun erinnere ich mich genau an diese Stelle, die jetzt kommt und ich glaube mir ist in diesem Moment das Blut in den Adern gefrohren :
Gerade, als unser Betriebsleiter um die Ecke kam, zog ich die Scheibe, mit den Maßen ca. 1,40 m x 60 cm aus dem Gestell, sah den Betriebsleiter an, hob die 1,40 m lange Scheibe mit einer Hand hoch, griff mit der anderen an das andere Ende, hielt sie ihm wagerecht entgegen und sagte: „ich habe eine gefunden.“
Die Scheibe hing nun durch und sprang in der Mitte auseinander.
Nun war ich wohl schneeweiß und sah den Mann verdattert an, wollte die Sache wiederum ins lächerliche ziehen und sagte: „Ich glaube ich hätte wohl nie den Beruf eines Glasers ergreifen dürfen, gelt?“
Die Warze leuchtete wieder knallrot und während ich die zwei Brocken abstellte und mich schnell zum Gehen entschloss, hörte ich ihn noch schreien: „Geh mir aus den Augen“, was ich auch schnellstenst befolgte.
Als sich später das Ganze etwas beruhigt hatte, Herr Simon eine neue Scheibe eingesetzt hatte, kam der Betriebsleiter auf mich zu und sagte, ich möchte mir einen Lappen nehmen und die verschmierten Spuren vom Einkitten mit Nitro-Verdünnung säubern.
Ich besorgte mir die Sachen und fing zunächst außen an, die Scheibe zu reinigen.
Anschließend begab ich mich in die Meisterbude fing an mit leichtem Druck zu wischen.
Ich konnte erst gar nicht verstehen, daß sich die Scheibe immer weiter von mir weg bewegte, bis ich dahinter kam, sie drückt sich aus dem Fensterkitt in Zeitlupe nach außen.
Als würde ich um mein Leben laufen , rannte ich aus der Tür um die Bude herum, empfing die langsam auf mich zu kommende Scheibe und drückte sie mit beiden Händen in das Winkeleisen zurück .
Schweißüberströmt drückte ich mit Daumen und Fingern den Fensterkitt wieder in die Ecken und gab der Scheibe neuen Halt.
In Schweiß gebadet setzte mich auf einen Stuhl und verwendete keinen Gedanken mehr, diese Scheibe jemals zu reinigen.
Ich weiss noch wie heute, ich glaube es wäre bestimmt das Ende meiner Lehrzeit in dieser Firma gewesen, wenn diese Scheibe nochmals zersprungen wäre.
Ich glaube es hätte sicher den sonst so lieben Betriebsleiter wirklich geschafft.
Klaus Zahn
