Hanau-Info
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Zeitung für Hanau, seine Stadtteile und zur Belebung der Hanauer Innenstadt

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Vor kurzem bekam die Redaktion Besuch von Karl Hermann, einem gebürtigen Hanauer. Er brachte einige Fotografien aus seinem Familienbesitz mit und erzählte von „ alten Zeiten“ in Hanau als er noch ein kleiner junge war. Sein Großvater war Diamantschleifer in Hanau der seinen Arbeitsplatz noch zu Hause hatte. Der Vater zog noch vor dem ersten Weltkrieg nach Hanau und lernte hier seine Mutter kennen, eine gebürtige Hanauerin und heiratete sie. Sein Geburtshaus stand in der Französischen Allee Haus Nr. 16 ( siehe Bild 1) auf dem er, unten 2. Fenster von rechts, neben seiner Mutter zu sehen ist. Das Haus, das damals der Familie Ott gehörte wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Es stand auf der Nordseite ungefähr zwischen der heutigen Passage und der Paradiesgasse.

Karl Hermann ist Jahrgang 1920, erlebte als Kind die Nachkriegszeit und Wirtschaftskrise nach dem 1. Weltkrieg. Danach als Jugendlicher die Zeit des Nationalsozialismus, und als er 19 Jahre alt war, begann der 2. Weltkrieg. Als junger Mann wurde er zur Wehrmacht eingezogen und kam im August 1944 in Russische Gefangenschaft.

Von Beruf war er gelernter Kaufmännischer Angestellter und war nach dem 2. Weltkrieg in verschiedenen Betrieben beschäftigt, zuletzt bei BBC Groß Auheim. Er lebt heute im Hanauer Stadtteil Kesselstadt und beteiligt sich immer noch rege am Leben in seinem Stadtteil.

Er hat unserer Redaktion auch eine Leserzuschrift mitgebracht die wir ungekürzt veröffentlichen.

Es ist ein Zeitdokument das einen interessanten Einblick in die damalige Zeit gibt.

Über die Leserzuschrift, die er mitbrachte, sprachen wir mit ihm. Er erzählte über die Speisegaststätte „Zum Graf Philipp Ludwig“. Diese war eine gut Bürgerliche Speisegaststätte, in der man frühstücken konnte und einen Mittagstisch bekam. Die Gaststätte wurde von vielen Hanauer Bürgern besucht und die Häuser in der alten Schäferstraße waren alle in Privatbesitz. Die Motorenfabrik von der er sprach, stellte Gasmotoren her und wurde im 2. Weltkrieg stillgelegt. Das Auto, das die Familie Schädel besaß und eines der ersten Autos in Hanau war, ist ein offener Sechssitzer gewesen. Der Führer am Lenkrad des Wagens ist noch mit einer Lederkappe gefahren. Dies führte in der damaligen Zeit zu einigem Aufsehen wenn er in den Wagen stieg. Von der Gaststätte Pfefferdutt, die er erwähnte, war ihm bekannt, dass sie damals einen schlechten Ruf hatte. Dort standen viele „ Kohleschlepper“ an der Theke und es muss dort wohl ziemlich rau zugegangen sein. Kindern wurde damals verboten in diese Gaststätte zu gehen. Früher war es üblich Bier in Krügen auszuschenken, Glasausschank gab es nur wenig und das Bier musste man sich am „ Schalter“ holen. Woher der Name Pfefferdutt kam war ihm allerdings auch nicht bekannt.

Der Lebensstandard war damals ein anderer wie heute, nicht nur, dass vieles beschwerlicher war, auch die sozialen Verhältnisse waren sehr viel ärmlicher bei den meisten Menschen. Er erzählte, dass ein Lithograph 48 – 60 Stunden wöchentlich arbeiten musste. Dafür bekam er einen durchschnittlichen Wochenlohn von 60 Reichsmark. Um das in das Verhältnis zu setzen: eine einfache 3 Zimmerwohnung kostete damals im Durchschnitt 45 Reichsmark im Monat. Für Kinder musste monatlich 9 Reichsmark Schulgeld und viele Schulbücher selbst bezahlt werden.

Wir hätten Herrn Hermann gerne noch länger über die Zeit vor dem 2. Weltkrieg befragt, aber uns fehlte dann doch die Zeit dafür.

Dies alles wurde sicherlich von den Menschen damals ganz anders wahrgenommen, als wir das heute tun würden. Vor allem sollten wir heute aber verstehen, dass viele Dinge in unserem heutigen Leben nicht so selbstverständlich sind, wie einige heute glauben.

Wir möchten aber unsere Leser an dieser Stelle auffordern, uns ebenfalls Geschichten aus Ihrem Leben, der Eltern oder Großeltern aufzuschreiben und an die Redaktion zu schicken. Wenn es noch weitere Zeitzeugen aus der Schäfergasse gibt, wäre dies natürlich wunderbar.

Die alte Schäferstraße

Schäferstraße (heute Karl-Röttelberg-Straße)

Betr.: Karl - Röttelberg - str. /Schäferstraße früher u. heute.

Die heutigen Bewohner der Karl – Röttelberg – straße ahnen wohl kaum, welch lebhaftes Treiben früher in dieser kurzen Straße herrschte. Heute fristet sie eher ein tristes und unscheinbares Dasein. Ich habe einige Jahre meiner Kindheit von 1928 bis 1932 in der damaligen Schäferstraße verbracht und kann mich noch gut an diese Zeit erinnern.

An der Westseite befand sich ander Ecke Französische Allee die bekannte Speisegaststätte „Zum Graf Philipp Ludwig“, von der leider offenbar keine Aufnahme mehr existiert.

Wir wohnten im Haus Nr. 9, hinter dem sich die Motorenfabrik von Hermann Schädel befand. Ein Stück weiter war das Lebensmittelgeschäft Jean Diehl (später Schöne) und neben einem weiteren Mietshaus an der Ecke Gärtnerstrasse die Gaststätte „ Zur Pfefferdutt“. Ein gutes Stück der Ostseite bis zur Französischen Allee nahm die große Schreinerei Heinrich Lohrey ein. Des weiteren war anschließend das Tabakgeschäft von Fritz Rost, die Spenglerei Franz Hau und das Friseurgeschäft Gibson in einem kleinen eingeschossigen Häuschen. Ein großes Mietshaus schloß sich an mit dem Emblem eines jungen Farbigen aus dem Haus Obst - Stöter.

In dieser Straße wohnte auch Herr Schäfer, der Glöckner der Französischen Kirche. Er musste mehrmals am Tag den hohen Turm der Kirche besteigen und die Glocken von Hand läuten, wahrlich keine leichte Arbeit. Mitunter halfen ihm einige Jungen. Man kann nur bedauern, dass man diese gewaltige Kirche, die das Wahrzeichen von Hanau war, nicht wieder komplett aufgebaut hat. Der allgemeine Lebensstandard war wesentlich niedriger als heute. Strom gab es nur in wenigen Haushalten, dafür Petroleum und Gas. Ab und zu kamen einige Straßensänger, die für ein paar Groschen in den Hinterhöfen die neuesten Schlager zum Besten gaben. Da das Radio noch in den Kinderschuhen steckte, ging es trotz wesentlich längerer Arbeitszeit irgendwie gemütlicher zu.

Wir Kinder hatten als Spielplatz die große Französische Allee mit ihren Lindenbäumen, denn Autos waren selten. Eines der ersten Autos hatte die Familie Schädel. Es war schon eine Sensation, wenn sie ihren offenen Wagen zu einem Ausflug von Hand starteten und unter den Blicken aller Nachbarn losfuhren.

Im Gegensatz zu heute gab es fast keine Überfälle oder Ladendiebstähle etc. Rauschgift kannte man nur aus Kriminalromanen. Die laufend präsenten Einmann-Polizeistreifen ganasen überall Respekt und sorgten im Bedarfsfall schnell für Ordnung.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leser hier an dieser Stelle möchten wir uns noch einmal ausdrücklich bei Herrn Karl Hermann für „seine Geschichte“ und Bilder die er uns zur Verfügung gestellt hat Bedanken. Jeder der etwas aus seiner Zeit zur Geschichte beitragen kann, die der Nachwelt erhalten bleibt, leistet auch einen Beitrag für unsere Gesellschaft. Und dies ist wichtig in einer Zeit in der die Werte, die für uns Menschen gelten sollten, immer mehr ins rutschen kommen.

Redaktion Hanau-Info

Leserzuschrift von Karl Hermann

Französische Allee 16

(heute befindet sich dort die Gaststätte Hannen Alt) Bild 1

Schäferstraße 9 (heute Karl-Röttelberg-Straße)