


Der Röhrenbrunnen ist die recht lapidare Bezeich-nung für ein barockes Baudenkmal unserer Stadt, das leider nicht mehr existiert - und vergessen ist? Einst zierte das hoch aufragende Steindenkmal eines Brunnenauslaufs den Neustädter Marktplatz. Der Fließbrunnen markierte die weite Platzmitte vor dem Rathaus.
DIE MARKTBRUNNEN
In den vier Ecken des Platzrechtecks bildeten jeweils gleichartige Ziehbrunnen eine erste architektonische Platzgestaltung. Bedauerlicherweise wurde nur einer dieser vier Brunnen, heute in der Achse der Paradiesgasse stehend, erhalten.
Selbstverständlich ging es damals nicht allein um die ansprechende Gestaltung des großen Neustädter Marktplatzes, sondern um die lebensnotwendige Versorgung der Bewohner Neuhanaus mit Wasser. Von der Selbstverständlichkeit, mit der Wasser ebenso wie der elektrische Strom heute aus den Leitungen in unseren Wohnungen fließen, war man im 18. Jahrhundert noch weit entfernt. Gewöhnlich holten die Menschen in dieser Zeit ihr tägliches Wasser von den öffentlichen Brunnen, die in Gassen und auf Plätzen der Dörfer und Städte standen.
Nur wenige Häuser der Neustadt besaßen einen eigenen Brunnen im Hofe oder gar in der Küche des Hauses. Üblich war es, sich das Wasser - meist mit hölzernen Eimern - von einem der öffentlichen Brunnen zu holen. Die Brunnenorte fungierten somit auch als „Nachrichtenbörsen“, an denen „Klatsch und Tratsch“ gediehen.
Die Konzeption der Neustadtbebauung sah auf einem schachbrettartigen Grundriss, neben dem rechteckigen Kirchplatz der Wallonisch-Niederländischen Doppelkirche, einen weiteren rechteckigen und in seinen Ausmaßen repräsentativen Marktplatz vor. Für heutige Vorstellungen ungewöhnlich, nahmen die Neustadtgründer den Bau ihrer Häuser, Plätze und Straßen selbst in die Hand. Nur die Befestigung um die neue Stadt sollte im Wesentlichen vom Landesherrn, Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg, übernommen werden. Einer für die Neustadtgründung wichtigen und wohlhabenden Bürger, Isaak Meusenhol, übernahm die Kosten für die Auffüllung des Marktplatzes, sodass eine erhöhte Platzfläche entstand, von der das Niederschlagswasser nach allen Seiten abfloss. Die rund 8.000 Quadratmeter große Fläche wurde mit etwa 11.500 Kubikmeter Erde aufgefüllt. (1) Die Sandstein-Aufbauten der vier Eckbrunnen wurden nach und nach angelegt. 1604 wurde der „Fischbrunnen“ an der Platzecke Römerstraße / Lindenstraße errichtet. Den Namen erhielt er aufgrund des dort abgehaltenen Fischmarktes. Der Schwanenbrunnen wurde 1616 an der Straßenecke zur gleichnamigen Apotheke und Haus „Zum Schwanen“ (Krämerstraße Ecke Hammerstraße) erbaut. Später wurde er als „Taubenbrunnen“ bezeichnet. Im gleichen Jahr entstand auch der „Rabeneckbrunnen“, benamt nach dem Haus „Zu den sieben Raben“ an der Ecke Nürnberger Straße zur Kölnische Straße. Der „Zangenbrunnen“ wurde 1621 erstellt und nach dem Haus „Zur güldenen Zange“ Ecke Salzstraße zur Fahrstraße benannt. Später wurde dieser nach dem dort abgehaltenen Holzmarkt, als „Holzbrunnen“ bezeichnet. (2) Davon abweichend wurde er auch als „Säubrunnen“ bekannt. (3) Die unterschiedliche Benennung der vier Markt-brunnen durch die Hanauer Chronisten Wilhelm Ziegler und Ernst Zimmermann resultierte wohl aus der wechselnden Belegung des Marktes und der Benennung nach den in unmittelbarer Nähe stehenden Häusern.
Die Pflege der Brunnen oblag den Bürgern, die hierfür Brunnenmeister wählten. Die Brun-nenfahrten, d.h. das Fest des Brunnenfegens (Reinigung der gemauerten Schächte), wurde 1850 letztmalig vom Hanauer Chronisten Ziegler genannt. 1860 waren die vier Ziehbrunnen des Marktes auf Pumpen umgebaut worden. Neben der Versorgung mit Wasser war die gleichmäßige Wasserförderung im Falle eines Brandes ausschlaggebend für diese Ver-änderung. Gut zwanzig Jahre später, im Jahr 1881, übernahm die Hanauer Stadtverwaltung alle 43 öffentlichen Brunnen beider Städte. (4)
In der Zeit von 1885 bis 1890 wurde das Projekt der ersten öffentlichen Wasserversorgung mit Hausanschlüssen realisiert. Auf Dörnigheimer Gemarkungsgebiet wurde ein Wasserwerk mit Hochbehälter errichtet. (5)
DER RÖHRENBRUNNEN
Eine Sonderform stellte der sogenannte
Röhrenbrunnen dar.
Dem Wunsch nach gutem Trinkwasser
wurde mittels eines „Hochfürstlichen
Decrets“ vom 13. September 1748 nach-
gekommen.
In der Zeit von 1748 bis 1750 wurde eine
Wasserleitung von Wachenbuchener
Quellen nach Hanau verlegt. Die Wasser-
leitung bestand aus Tonröhren und war
unterschiedlich tief verlegt, sodass sich
Klagen über deren Funktionsfähigkeit
erhoben. Auch gab es bald Streit um die
Finanzierung der Wasserleitung zwischen
Altstadt, Neustadt und der „Herrschaft“.
Die Wasserleitung wurde von Nicolaus
Rödiger unter Aufsicht des Salzgrafen
Waitz von Eschen und des Majors Her-
mann verlegt. Die Leitung führte über die
Kinzigbrücke in die Vorstadt bis in die
Metzgergasse. Dort befand sich im
„Katzenturm“ (auch „Kinzigturm“ oder
„Metzgertor“ genannt) ein Kupferbe-
hälter als Verteiler. Eine Leitung führte
zum Stadtschloss ins dortige Waschhaus
am Rande der Altstadt. Der Ausfluss der
anderen Wasserröhre führte über die
Marktgasse, den Paradeplatz (heutigen
Freiheitsplatz) durch die Fahrstrasse und
endete auf dem Neustädter Markt in
einem Wassertrog. (6)
Der Hanauer Chronist Ziegler schrieb
hierzu: „Am 10. Oktober ist das Wasser
aus dem Rohrbrunnen auf dem Neu-
städter Markt zum erstenmal ge-
sprungen....“ (8) Aufgrund dieser
Wasserröhre erhielt der Brunnen seinen
Namen: Röhrenbrunnen.
Der einfache, steinerne Wassertrog auf
dem Marktplatz war sicherlich für eine
Tiertränke vorteilhaft, aber wenig reprä-
sentativ für den Hauptplatz einer Stadt.
Also beschloss der Rat der Neustadt
1768 eine verzierte Säule für die „Röhr
auf dem Markt“ anfertigen zu lassen. (8)
Der Frankfurter Bildhauer Johann
Daniel Schnorr, auf der Zeil im großen
rothen Haus wohnend, schickte am
29. Juli 1767 ein Schreiben an den Stadt-
schultheißen Jung, in dem er mitteilte,
dass man [der Rat der Neustadt] „ent-
schlossen sei mitten auf dem Markt vor
dem ansehnlichen Rathaus zu der Röhr
eine verzierte Säule machen zu lassen.“ (9) Die Beschreibung der Zeichnung nannte oben einen Löwen, welcher mit der linken Klaue einen Schild mit dem hochfürstlichen Wappen hielt. Mit der rechten Klaue hielt er über dem Schild ein Schwert. „An das Schwert schaffet selbiger [der Bildhauer] eine natürliche Wag mit Messingern schaalen und setzt oben auf des Löwen Krone ein Messingern Kreutz [Landgra-fen Krone], welches im Feuer vergult [vergoldet] ist, des Schwerts Klinge aber, so der Löw in der Klaue hält, wird von Eisen gemacht und versilbert, alles auf des Bildhauers Kosten.[...] um zweihundert und Achtzig Reichsthaler...“ (10) Gerade so wie der Bildhauer eine Ausführung für das Hofgeismarer Brunnenhaus gefertigt hatte.
Die Basis des säulenartigen Obelisken zeigt allegorische Darstellungen. Die Vorderseite, die der Wallonisch-Niederländischen Kirche zugewandt ist, ziert über dem Wasserauslauf eine Figurengruppe. Zwischen zwei Putten, von denen der eine einen Spiegel, der andere ein Füllhorn hält, ist die Gerechtigkeit dargestellt. Diese stützt sich mit der linken Hand auf ein aufgeschlagenes (Gesetzes-) Buch, das auf einem Kissen mit zwei gekreuzten Schlüsseln ruht. Die allegorische Gestalt hält in der rechten Hand ein Schwert, um dessen Klinge sich eine Schlange ringelt. Darüber war das Auge Gottes im strahlenden Dreieck angebracht.
Auf der Rückseite, dem Rathause zugewandt, befand sich zwischen zwei ähnlichen Putten eine sitzende Frauengestalt, deren rechte Hand einen Schwan umklammerte und deren linke Hand einen Blumen- und Früchtestrauß umfasste, darüber auf dem Obelisken der Merkurstab. Eine Allegorie auf die Tugend der
Standhaftigkeit, die der Verführung widersteht und dafür im Übermaß belohnt wird. Der nach rechts blickende, stehende Löwe auf dem kannelierten Gesims hält in der rechten Pranke ein Schwert und stützte sich mit der linken auf einen Schild mit dem Neustädter Sparren- Wappen und einer sitzenden Stadtgöttin. Ein ähnliches Wappen ziert den Balkon des Neustädter Rathauses.
Die Komposition ruhte auf einem würfelförmigen Block, dessen Ecken mit Halb-
säulen bestückt waren. Die Vorderseite zierte ein vergoldeter Löwenkopf mit rocaillenartigen Ornament, aus dessen Maul das Wasser in die darunter angebrachte, muschelförmige Schale floss. Auf der Rückseite befand sich ein geschmückter Rahmen mit der Jahreszahl 1768. Das „Röhrenbrünnchen“ war zeitgemäß farbig angelegt. Es war weiß gefasst, teilweise vergoldet und das Wappen in den heraldischen Farben gehalten. (11) Während der Zeit der napoleonischen Besetzung (1806-1813) verfiel die Wachenbuchener Wasserleitung ein zweites Mal. Zur französischen Zeit schrieb der Chronist: „Es gab zwar in Hanau auch einige ‚Jacobiner’...eines schönen Morgens waren zum Schrecken der Polizei den Löwen, die das Hessische Wappen der Röhrenbrunnensäule auf dem Markt hielten, rote Mützen aufgesetzt...“(1807). (12)
Erst 1839 folgte eine Instand-setzung. Durch das katastrophale Hochwasser von 1845 wurde die Wasserleitung erneut beschädigt, sodass kein Wasser mehr floss. 1853 wurde vom Rat beschlossen, die Was-serleitung nicht mehr instand zu setzen. Die Röhren wurden in der Folge ausgegraben und verkauft. Es entstand die Mut-maßung, dass es sich um eine römische Wasserleitung gehandelt habe. (13) Bis 1896 blieb der Röhrenbrunnen trocken auf der Platzmitte stehen. Erst im Zuge der Aufstellung des Nationaldenkmals der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm auf dem Neustädter Marktplatz musste der alte Röhrenbrunnen weichen. Er fand seine würdige Aufstellung in der Philipp-Ludwig-Anlage, einem Teil des heutigen Freiheitsplatz. Diese kleine Grünanlage, einstmals als „Schweine- und Dippemarkt“ bekannt, war im Mai 1888 in „Philipp-Ludwig-Anlage“ umbenannt worden. (14)
Im Laufe der Jahrzehnte verlor sich die farbige Fassung und der Brunnen blieb als sandsteinernes Bauwerk in der Erinnerung und ist so auf alten Fotografien festgehalten.
Rudolf Bernges schrieb 1942 hierzu, dass die Witterung den Eindruck des spätbarocken- rokokoartigen Denkmals sehr beeinträchtigt hatte.
Die Luftangriffe alliierter Bomber zu Ende des Zweiten Weltkrieges führten zur Zerstörung der Stadt und damit auch des Röhrenbrunnens. Zusammen mit anderen wertvollen Steindenkmälern der Stadt wurden die Fragmente des Röhrenbrunnens lange Jahre im Fronhof gelagert. Hier entstanden auch die abgebildeten Fotografien der Steinfrag-mente. Da im Zuge des Wie-deraufbaus der Stadt diese Spolien keine Verwendung fanden, wurden sie am einstigen ersten Wasserwerk der Stadt Hanau auf dem Gebiet der heutigen Kläranlage in der Landstraße abgelegt. Seit dem Bau der Kläranlage gelten sie als verschollen.




