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Zeitung für Hanau, seine Stadtteile und zur Belebung der Hanauer Innenstadt

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Die Kinzigbrücke

Hanau-Info, Kinzigbrücke, Vorstadt, Hanau

Mit der Veröffentlichung eines Bildes von der Kinzigbrücke in der Hanauer Vorstadt in der Ausgabe 8 des HANAU-INFO verbanden wir einen Aufruf , mit der Bitte, uns Informationen zu diesem Bild zukommen zu lassen. Auf dem Bild war am Ende der Brücke ein großes Gebäude zu sehen, von dem wir nicht wussten, was es war und wie es genutzt wurde. Wir haben nicht schlecht gestaunt, wie viele Reaktionen dieser Aufruf ausgelöst hatte.

Wir wissen inzwischen, um was für ein Gebäude es sich handelt, es war das Elisabethenhaus“, das im 2. Weltkrieg völlig zerstört wurde und an dessen Stelle heute das Reifenhaus Ruppel steht.

Es folgt ein leicht gekürzter Beitrag aus der Jubiläumsfestschrift „100 Jahre Dienst im vinzentischen Geist“, herausgegeben von den Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul, Mutterhaus Fulda:

Das erste Elisabethenhaus in Hanau stand an der Französischen Allee, es wurde als Niederlassung des Mutterhauses in Fulda um 1882 in Hanau gegründet. 1882 nahmen dort 3 Schwestern aus dem Mutterhaus ihren Dienst auf. Die Einrichtung sollte damals insbesondere der häuslichen Krankenpflege dienen. Damit wurde der gesellschaftlichen Realität in der damaligen Zeit Rechnung getragen. Hatte doch vor der Einführung der Bismarkschen Sozialgesetzgebung die ärmere Bevölkerung kaum die Möglichkeit, sich einen Krankenhausaufenthalt finanziell zu erlauben. Die Anforderungen des häuslichen Pflegedienstes an die Schwestern wuchs beständig. Die Schwestern empfanden es als bedrückend, dass in den oft ärmlichen Verhältnissen eine wirksame Hilfe für Schwer- und Dauerkranke im häuslichen Bereich nicht gewährleistet werden konnte. Aufgrund der Arbeit der Schwestern im Elisabethenhaus entstand die Notwendigkeit der stationären Pflege und Behandlung kranker Menschen und alsbald entstand das St. Vinzenz- Krankenhaus.

Von der Französischen Allee zog das Elisabethenhaus am 10. November 1901 in die Frankfurter Straße 33 um . Aufgrund der erweiterten Tätigkeiten stand gegen Ende des 1. Weltkrieges ein weiterer Umzug bevor.

Noch vor Kriegsende erwarb das Mutterhaus von dem General des Ulanenregimentes, Herzog von Urach, ein neues Anwesen in der Vorstadt 26. Aus der kriegsbedingten Enge der Frankfurter Straße zogen die Schwestern samt der Schar ihrer Betreuten nunmehr in das weiträumige Haus vor der Kinzigbrücke um. Die freie Lage am Fluss mit Garten und Uferwiesen war nicht nur idyllisch schön, sie war auch für die damalige Zeit sehr nützlich.

In den Nebengebäuden und Stallungen konnte man eine Kuh, ein Schwein und Federvieh halten, von den Wiesen Grünfutter und Heu ernten, was den Kindern sicher größte Freude bereitete. Dazu kam noch ein Gemüsegarten am gegenüberliegenden Milchweg, der von einer Hanauer Familie gestiftet worden war. Dadurch war den Schwestern in jener notvollen Nachkriegszeit eine weitgehende Selbstversorgung möglich.

Zu den seither geübten Diensten: häusliche Kranken-pflege, Kindergarten und Pflegekinderheim wurde nunmehr zusätzlich ein Säuglingsheim eingerichtet, für das in jener Nachkriegszeit ein dringendes Bedürfnis bestand. Auch die kirchliche Vereinstätigkeit für Jugendliche fand hier ein Zuhause. Das Tagesheim für Säuglinge und Kleinkinder wurde nach dem Jahre 1928 in das von der Familie Busch erworbene Haus in der Bruchköbeler Landstr. 2 verlegt, wo heute noch der Kindergarten besteht.

Hanau-Info, Kinzigbrücke, Vorstadt, Hanau

Das Ende des Elisabethenhauses

Am Abend des 6. Januar 1945, als das St.-Vinzenz-Krankenhaus den ersten Luftangriff erleiden musste, fiel auch das Elisabethenhaus dem Bombenterror zum Opfer. Das Hauptgebäude in der Vorstadt 26 stand in Flammen. Den Schwestern war es unbegreiflich, dass die auf der Straße stehende Feuerwehr der Wehrmacht, trotz Bittens, nicht mit Löscharbeiten eingriff. Weil man angeblich keinen Einsatzbefehl hatte, müsste das Haus total ausbrennen. In den folgenden Tagen setzten Schnee und Frost ein; danach kam Hochwasser, so dass auch die erhalten gebliebenen Luftschutzkeller nicht mehr benutzt werden konnten.

Das Hinterhaus bot einigen alten Menschen noch eine notdürftige Bleibe.

Beim Großangriff vom 19. März 1945 fiel jedoch auch diese letzte Zuflucht der Zerstörung zum Opfer. Mit großer Mühe retteten die Schwestern das Leben der verbliebenen Bewohner.

Nach einer Übergangszeit konnte das Elisabethenhaus nach dem 2. Weltkrieg in der Straße vor der Kinzigbrücke nebst Kindergarten neu aufgebaut werden und ist heute noch in Betrieb.

Dies also zu dem Elisabethenhaus - dem Gebäude vor der Kinzigbrücke stadtauswärts.


Nach unserem Aufruf in der letzten Ausgabe gab es viele Anrufe und persönliche Gespräche über das Bild und die Hanauer Vorstadt. Wir hatten wohl auch Emotionen damit ausgelöst, was uns nach den Gesprächen und den vielen Zuschriften klar wurde. Einige der Zuschriften wollen wir in Auszügen dokumentieren, es sind Briefe von ehemaligen Bewohnern in der Hanauer Vorstadt. Davor aber noch eine Anekdote, die mir die gebürtige Hanauerin Anneliese Reich erzählt hat: ... "Ich bin als Kind in den Kinderharten gegangen und habe an einem Puppenspiel, das im Elisabethenhaus vor den alteren Bewohnern vorgeführt wurde, teilgenommen. Das Puppenspiel ist zu Ehren des damaligen Dechant Theodor Weidner aufgeführt worden. Ich hatte einen Puppenwagen dabei und der Dechant Weidner fragte mich nach der Aufführung vor den Zuschauern, wie dieser kleine Junge im Puppenwagen heißt. Da schaute ich ihn mit meinen Kinderaugen an und antwortete "Theodor". Daraufhin haben alle Zuschauer des Puppenspiels herzlich gelacht und ich bekam einen tosenden Applaus."

Eine der Zuschriften bekamen wir von Anna Eschelbach:

"Sehr geehrter Herr Ziegler, in der Oktoberausgabe von HANAU-INFO fragten Sie nach dem Haus an der Kinzigbrücke. Ich bin 93 Jahre und habe bis 1945 in der Vorstadt gewohnt. Das Haus gehörte zum St. Vincenz Krankenhaus und wurde von älteren Menschen und Schwestern bewohnt. Es war ein sehr schönes Gebäude mit einer kleinen Kapelle."


Klaus Hornung schreibt uns:

"Ich habe 2 Häuser weiter, neben diesem Gebäude, in der Kleinen Hainstraße 14, mit meinen Eltern gewohnt, bis wir am 19. März 1945 ausgebombt wurden. Ich habe meine ganzen Kinder- und frühen Jugendjahre dort verbracht und kannte die gesamte Gegend vor, hinter, links und rechts neben der Brücke besser, wie man so sagt, wie meine Hosentasche.

Jetzt zu dem Bild von der Kinzigbrücke und dem abgebildeten großen Gebäude: Das ist das Elisabethenheim, ein Altenheim, das von 3 Schwestern des St. Vinzenz-Ordens geführt wurde und das auch am 19. März 1945 zerstört worden ist.

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine der Schwestern, die liebe und immer lustige Schwester Dezima. Eine kleine, immer freundliche, quirlige Schwester, die für die Krankenpflege außer Haus zuständig war und fast den ganzen Tag auf ihrem Fahrrad,in ihrer Ordenstracht mit der damals üblichen Flügelhaube, unterwegs war und Kranke in der Umgebung besucht und gepflegt hat.

Die Wiesen hinter und neben dem Elisabethenheim, bis zur Kinzig hinunter, bis zum Kinzigsteg und bis zum Kreishaus, wie das Landratsamt noch hieß, das war unser Revier, wo wir unsere Jugendzeit spielend und tobend, kletternd, schlittenfahrend, badend und höhlenbauend erlebt haben. Es war eine schöne Zeit."

Des weiteren eine Zuschrift von Hildegard Weber, geb. 1924, als Augenzeugenbericht über die Bombennacht am 19. März 1945, die Sie in der Vorstadt erlebte:

"Gegen 4 Uhr in der Nacht wachten wir auf. Der Himmel hing voller "Christbäume" (kleine Fallschirme mit Leuchtbojen). Damit markierten die englischen Bomber ihr Zielgebiet. Obwohl kein Vor- und auch kein Hauptalarm, rannten wir in großer Hast in den Keller. Ich in der Hetze mit dem rechten Fuss in den linken Schuh und umgekehrt, aber egal. Dann ging es los. Schlag auf Schlag, die Kellerwände und der Boden bebten, der Wandputz staubte uns ein. In dieser Todesangst konnten manche Hausbewohner - nach vielen Jahren- das "Vater unser" wieder beten.

Als keine Einschläge mehr zu hören waren kamen wir vorsichtig nach oben. Alle Häuser ringsum brannten lichterloh. Die Nachbarn versuchten aus ihren Wohnungen noch herauszuholen was irgend möglich war. Ich rannte in unsere Wohnung im l. Stock, band ein Betttuch mit Bettzeug zusammen, warf es auf dem Fenster, schnappte den Schuhputzkasten (!?) und raste die Treppe hinunter, denn das brennende, hölzerne Treppenhaus wurde fast zur Falle.

Inzwischen hatte sich der Brand zu einem Feuersturm mit starkem Wind entwickelt. Im katholischen Elisabethenhaus, meinem Elternhaus in der Vorstadt gegenüber, schafften die Vinzenzschwestern noch heraus was ging. Dabei flatterten die langen Flügel der weißen Kopfhauben ihrer (damaligen) Ordenstracht wild im Sturmwind.

Vor den durch die Luft wirbelnden, brennenden und von den Dächern herunterfallenden Teilen retteten wir uns auf die Kinzigbrücke. Von dort mussten wir zusehen, wie ein Haus nach dem anderen brennend zusammenkrachte. Mit vielen liebgewordenen Stükken darin. Die Vorstadt sowie die gesamte Innenstadt waren zum brennenden Inferno geworden.

Plötzlich kam ein Feuerwehrauto aus Mittelbuchen zur Kinzigbrücke. "Wir müssen hier durch, auf der Französischen Allee sind die Menschen eingeschlossen" hörte ich die Helfer.

Aber das war unmöglich, das Flammenmeer wütete und wütete..."


Wir möchten an dieser Stelle allen danken, die auf unseren Aufruf reagiert haben.

Besonders hervorheben möchten wir Frau Doris Schneider vom Reifenhaus Ruppel, die durch mehrere persönliche Gespräche und Bildmaterial weitergeholfen hat. Es bleibt festzuhalten, dass die Spurensuche nach der Vergangenheit auch bei uns Spuren hinterlassen hat. Die Fülle des Materials, in dem wir fündig geworden sind, lassen sich nicht in einer unserer Ausgaben allein darstellen. Zumal, wenn wir eine Wissenslücke gefüllt haben, tauchen weitere, neue Fragen auf. Wir alle werden zu Beteiligten an der Geschichte unserer Heimatstadt. Sei es als Zeitzeugen, Spurensucher der Zeitgeschichte oder einfach als interessierte Leser. Es würde uns freuen, wenn Sie sich weiterhin an diesem spannenden "Krimi“ auf der Suche nach der Vergangenheit beteiligen. Es war und ist für uns bewegend, die Zeit unserer Eltern, Großeltern und davor besser zu verstehen. Es ist aber auch eine Erkenntnis von uns: "Wenn wir wissen, wo wir herkommen, können wir unsere Zukunft besser gestalten."

Eines können wir aber jetzt schon sagen, das Thema Hanauer Vorstadt ist damit noch lange nicht abgehandelt. Weitere Geschichten und Informationen wurden uns angekündigt und Sie dürfen weiterhin neugierig und gespannt bleiben.

Hanau-Info, Kinzigbrücke, Vorstadt, Hanau

Aufbau des Reifenhauses Ruppel auf dem ehemaligen Grundstück des Elisabethenhauses Mitte der 60er Jahre