


1953 zog ich - damals 3 Jahre alt - gemeinsam mit meinen Eltern und meinem Großvater mütterlicherseits in eine Wohnung des Hauses Nr. 23 der Hanauer Vorstadt, in dem sich zu dieser Zeit eine Bäckerei befand. Die Familie Kämmerer, welche die Bäckerei betrieb, war auch gleichzeitig Eigentümer des Gebäudes.
Dieses zur Hanauer Altstadt gehörende Wohn- und Geschäftshaus konnte auf eine lange Historie zurückblicken. Eine Bäckerei wurde nach dem von Heinrich Bott herausgegebenen Buch „Die Altstadt Hanau“ bereits seit 1750 betrieben, allerdings im Laufe der Jahre mit vielen wechselnden Besitzern. Als allererster Bäckermeister wurde Wilhelm Daudistel genannt. Danach übernahm 1763 die Erbengemeinschaft Konrad Weidert das Haus, 1801 ging das Gebäude zur Familie Appel über. 1830 betrieb dort Bäckermeister J. Gg. Appel sein Geschäft. Zwischen 1830 und 1842 kam es wohl zu einer Versteigerung und der Müller Phil. Brenner erhielt den Zuschlag. Der Sohn von Georg Appel, J.Friedrich Appel, kaufte am 7.11.1860 das Haus zurück. Um 1900 übernahm dann wieder ein Bäckermeister - und zwar David Maier - das Gebäude.Von der Familie Maier ging die Immobilie nach 1938 in das Eigentum der Familie Kämmerer über.
Wann das Gebäude tatsächlich erbaut wurde, ist nicht mehr festzustellen. Bereits im Jahre 1566 soll in der Vorstadt das erste Haus gebaut worden sein. Ein Ahnherr der Brüder Grimm war etwa Um 1640 Besitzer desselben. Von den ehemals 42 Häusern der Straße hatten 14 eigene Hausnamen. Während dieser Zeit gab es mehrere große Gasthöfe, oft mit Innenhöfen und breiten Toreinfahrten, die zum Einstellen der Pferde und Kutschen dienten. 1714 logierte König Karl VII. von Schweden auf seinem Ritt von der Türkei nach Schweden im Gasthaus „Zum Goldenen Wolf“, das sich in der Vorstadt 17 befand. Die Pförtner der Kinzigbrücke wohnten im Pförtnerhaus Vorstadt 29.
1813, während der Schlacht bei Hanau, wurde die Vorstadt von den Franzosen in Brand geschossen.
General Graf Wrede, ein späterer Feldmarschall, wurde auf der Kinzigbrücke verwundet.
Übrigens wurde Paul Hindemith, ein berühmter Sohn Hanaus, am 16.11.1895 in der Vorstadt geboren.
An dem Gebäude, wo das Geburtshaus einst stand, ist heute eine Tafel zu dessen Gedenken angebracht (Quelle: Leserbrief Hanauer Anzeiger vom 1.3.1975 von Gusti Jacob und Doris Eisele geb. Menger)
Dass das Haus Nr. 23 der Hanauer Vorstadt während der Schlacht um Hanau bereits erbaut war, beweist eine Kanonenkugel, welche die Familie Kämmerer bei Löscharbeiten im Gebälk gefunden hatte, als das Haus am 6. Januar 1945 bei einem Bombenangriff der alliierten Truppen getroffen wurde und in Brand geriet. Diese besagte Kanonenkugel befindet sich noch heute im Besitz der Familie.
Ulrike Hanstein
